Geschäftsführer Christian Marschnigg im Interview

„Hallo Christian! Schön, dass du die Zeit für die erste Runde unseres neuen Podcasts: ‚#figlfragtnach‘ zu unserem monatlichen Thema ‚Führung‘ gefunden hast: Gute Führung, schlechte Führung, Führungsrolle selbst besser annehmen.

Viele unserer Follower kennen dich noch nicht persönlich. Möchtest du dich ein bisschen vorstellen, damit wir einen besseren Eindruck von dir bekommen?“

„Das Genie hinter dem ganzen Wahnsinn ist Christian Marschnigg. Ich bin 26 Jahre alt, studiere Technische Chemie an der TU Wien, wo ich auch als Studienassistent arbeite, bin verheiratet und Vater einer 7 Monate alten Tochter. Ich setze mich seit mittlerweile über 10 Jahren mit den Themen Kommunikation, Rhetorik, Self Development usw. auseinander und darf dem Leopold Figl Institut für Erwachsenenbildung und Gesellschaftspolitik seit Ende letzten Jahres als Geschäftsführer vorstehen.“

„Noch dazu bildest du ja auch selbst Trainer aus, ist das richtig?“

„Ja, das ist richtig. Ich bin auch Lehrtrainer im aktuellen, neunten Lehrgang der Trainerakademie, in der wir bereits über 130 Trainerinnen und Trainer ausbilden durften, die mittlerweile in ganz Österreich tätig sind.“

„Das klingt ja schon mal sehr spannend. Ein junger Mann mit viel Lebenserfahrung. Starten wir also gleich in medias res. Wie definierst du Führung?“

„Führung heißt für mich in erster Linie, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung einerseits für das, was man selbst tut, andererseits aber im klassischen Sinne für das, was andere Menschen machen.“

„Das heißt, gute Führung siehst du dann darin, dass man auf seine Mitarbeiter zugeht, Verantwortung für Sie übernimmt?“

„Führung heißt für mich auch, gut zuhören zu können und die Bedürfnisse, einerseits der Mitarbeiter – andererseits aber der Sache selbst in Einklang zu bringen und die Stärken und Schwächen seiner Mitarbeiter so gut zu kennen, dass man erstere gewinnbringend einsetzen kann. Die Stärken des Einen können oft die Schwächen des anderen ausgleichen. Gute Führung heißt also, das zu kennen, zu wissen, wie es bei den eigenen Mitarbeiten aussieht und das dann korrekt umsetzen zu können.“

„Schlechte Führung also im Gegenzug dazu: Nichts zu tun als Team-Vorgesetzter, nicht zuzuhören, jeden machen zu lassen, was er glaubt?“.

„Das würde ich so nicht ganz sagen, weil es Situationen gibt, in denen es durchaus sinnvoll sein kann, wenn man seine Mitarbeiter einfach mal machen lässt. Es gibt ja nicht umsonst den Führungsstil „laissez-faire“, der ja auch einer der klassischen Führungsstile nach Kurt Lewin ist. Schlechte Führung heißt für mich aber, anzunehmen, dass alles in Ordnung ist und nicht explizit nachzufragen. Schlechte Führung heißt für mich weiter, die individuellen Bedürfnisse und Stärken der Mitarbeiter nicht zu beachten und ihnen Aufgaben zu geben, die sie entweder überfordern oder andererseits sogar langweilen. Schlechte Führung heißt auch, dass man die Herausforderungen nicht richtig erkennt und dass man deswegen den Anforderungen der Sache nicht gerecht wird.“

„Es gibt ja manche Menschen, wenn man die kennen lernt in Vereinen oder in seiner Arbeit oder in der Schule, scheinen die so als wären die mit einem gewissen… ich möchte nicht sagen ‚Führungsanspruch‘, aber mit einem gewissen natürlichen Zugang zum Thema Führung und Verantwortung geboren worden. Jetzt ist die spannende Frage für mich: Kann man Führung zu einem gewissen Grad erlernen oder ist das etwas, was ich mit der Muttermilch mitkriegen sollte, um Karriere machen zu können.“

„Ich bin mir sicher, dass es hilft, wenn man in einen Haushalt geboren wurde, wo bereits Menschen in Führungspositionen sind, um das Ganze mit einer gewissen Natürlichkeit und Authentizität leben zu können. Ich bin aber auch der Meinung, dass jeder und jede lernen kann, eine gute Führungsperson zu sein. Jeder und jede von uns ist bereits eine Führungsperson in gewisser Hinsicht. Wir sehen das oft nur nicht. Wann immer wir uns irgendwo engagieren, in Vereinen, oder wann immer wir etwas organisieren für Freunde, Bekannte etc. sei es ein Urlaub oder nur ein Treffen, dann ist das schon Führung. Wir sind uns dieses Faktums nur oft nicht gewahr. Für uns bedeutet Führung klassisch immer Mitarbeiterverantwortung. Aber eine Führungsperson kann in meinen Augen jeder und jede sein.“

„Das heißt also dein Tipp, wenn ich Führung übernehmen soll als Vereinsobmann oder im Freundeskreis ist einfach die Initiative zu ergreifen?“

„Wenn ich mich in dieser Situation wohlfühle: Ja. Wenn ich die Führung übernehmen muss – es ist ja oft so, dass man so etwas übernehmen ‚muss‘, weil man dazu ‚gezwungen‘ oder gewählt oder sonst was wird. Das ist ja oftmals keine bewusste Entscheidung. Aber ganz allgemein: Den wichtigsten Tipp, den ich geben möchte, ist: ‚Habe eine klare Vision von dem, was du möchtest, denn nur dann können dir die Leute folgen.‘ Für mich ist das Schlimmste eine Führungsperson, die sagt: ‚Naja… So… Ich bin jetzt der Chef … und … schauma mal… habts ihr irgendwelche Ideen? Was machma denn so?‘ Also für mich muss eine Führungsperson eine ganz klare Vision haben, die sie den Mitarbeitern teilt und idealerweise werden diese Mitarbeiter dann auch Teil dieser Vision.“

„Würdest du also sagen, dass das unter den Begriff, diesen wunderbaren neudeutschen, ‚Leadership‘ fällt. Also Führung mit Vision?

„Leadership bedeutet für mich einfach nur Führung auf Englisch. So einfach ist es. Das Wort wird oft aufgeblasen, immer mehr Trainer werden ‚Leadership-Berater‘ und ‚Leadership-Coaches‘. In Wirklichkeit sind diese Inhalte aber immer gleich. Das ist klassische Führung und ändert sich auch nicht, nur weil man das jetzt anders nennt.“

„Verstehe. Zurückkommend auf die Vision als Führungsperson: Das heißt einer der Punkte, um meine Führungskompetenz zu verbessern, ist die Tatsache, dass ich bevor ich Führung ergreifen will, z.B. als Vereinsobfrau zu kandidieren, mir im Vorfeld überlege: Was ist meine Vision für den Verein und wohin soll der Verein, was möchte ich bewirken, was möchte ich erreichen? D.h. ist es eine Möglichkeit zur Verbesserung der Führungskompetenz zu überlegen: ‚Was will ich‘ um das dann mit meinen Kollegen oder Freunden zu erreichen?“

„Für mich ist das keine Verbesserung der Führungskompetenz, sondern die absolute Grundlage. Natürlich hilft es, wenn ich weiß, wohin ich gehe, also das Ziel. Aber ich muss den Weg dorthin selbst ja auch kennen, um andere Menschen führen zu können. Stell dir vor, du machst eine Bergtour und du hast jemanden, der dich leitet. Dann möchtest du ja auch, dass dieser Mensch den Weg kennt und dich auf diesem Weg mitnimmt. Du lässt dich dann führen von diesem Menschen, weil du ihm vertraust. Und dieses Vertrauen ist in meinen Augen nur dann möglich, wenn du deinen eigenen Weg kennst. Wenn du den Plan kennst, mit dem du die Leute anführen möchtest.“

„Verstehe. Und gibt es sonst noch nebst eben den Weg zu kennen, das ja sinnvoll ist, wenn ich der Bergführer bin, und dem vorher angesprochenen Zuhören etwas, wie ich meine Führungskompetenz verbessern könnte? Hast du noch Tipps und Tricks für uns?“

„Einer der wichtigsten Tipps für mich ist: ‚Führung hört nie auf.‘ Ich habe nie die Chance zu sagen: Ich habe jetzt geführt und das wars jetzt. Jetzt bin ich in einer Führungsposition. Jetzt hab ich meine Arbeit gemacht. Das ist es nicht. Führung bedeutet ständig on-point zu sein, immer 110% zu geben und auf die Bedürfnisse der eigenen Mitarbeiter zu achten. Das heißt nicht nur zuhören, sondern oftmals ist es ja auch so, dass Konflikte im Hintergrund schwelen. Für mich bedeutet gute Führung ständig aufmerksam zu sein: Wie sieht es aus in meinem Team. Wie schauts gerade aus mit mir? Mit der Aufgabe selbst? Wie weit sind wir? Also ständiges Projektmanagement gehört für mich auch dazu. ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘ – das ist noch einer der Tipps, die ich gerne mitgeben möchte. Nur weil es in einem Team gerade ruhig ist, heißt das noch lange nicht, dass auch alles in Ordnung ist.“

„ ‚Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser‘ klingt ein bisschen nach Blockwart-Mentalität, das klingt ein bisschen als würdest du deine Teamkameraden überwachen wollen. Ich nehme nicht an, dass du das so gemeint hast.“

„Die Sache ist die: Du bist als Führungsperson verantwortlich für das, was passiert. Du bist verantwortlich für den Output, den dein Team hat und wenn du nicht weißt, wo dein Team gerade steht, wie kannst du dann verantwortlich sein für das, was rauskommt? Wenn du derjenige bist, der dafür verantwortlich ist, musst du zu jedem Zeitpunkt wissen, wo dein Team gerade steht und Kontrolle ist ja nicht unbedingt etwas Negatives. Kontrolle kann ja auch Sicherheit geben. Auch dem Mitarbeiter selbst. Wenn der Mitarbeiter nicht weiß, wo er steht, dann geht es ihm ja auch nicht gut, dann braucht er vielleicht auch ein wenig Hilfe von außen, ein wenig Richtungsweisung. Wenn du das als Blockwart-Mentalität beschreiben möchtest, dann seh ich mich manchmal als Blockwart, ja.“

„Vorausgesetzt unsere jüngeren Hörer wissen überhaupt noch, was ein Blockwart ist… Noch ein paar persönliche Fragen: Wie war das für dich? Als Lehrtrainer und als Geschäftsführer des Figl Instituts stehst du ja auch in der ersten Reihe fußfrei und führst ein Team an, bzw. leitest Trainer an, auch mal ein Team anzuführen und schärfst ihre Führungskompetenz oder hilfst ihnen dabei, diese in ihnen selbst zu entdecken. Wie war das für dich, vor den Vorhang zu treten? Hattest du Schwierigkeiten oder war das etwas, das dir in die Wiege gelegt worden ist?“

„An sich bin ich ein Mensch, der lieber in der zweiten Reihe steht, aber wenn es die Situation erfordert – so wie eben in diesem Fall muss ich mich eben anpassen und in die erste Reihe stellen. Ich denke das funktioniert auch nur dann, wenn man eben eine gute zweite Reihe hat, auf die man sich verlassen kann und mit denen man gut zusammenarbeiten kann. Ich glaube, dass es viel gibt, was ich und wir jungen Menschen weitergeben können, oder Trainern allgemein und ich glaube, dass es einfach eine gewisse Notwendigkeit ist, dass da einer steht, der das dann irgendwie verkörpert oder personifiziert. Bis jetzt habe ich es ganz gut geschafft, mich doch noch so halbwegs in der zweiten Reihe zu halten und nur gelegentlich vor den Vorhang zu schauen, wenn es wirklich notwendig war, aber ich glaube dieses Interview ist auch ein erster Schritt auf die Bühne.“

„Gibt es eigentlich irgendwelche lebenden oder toten, imaginären oder schon gelebte Persönlichkeiten, wo du sagst, das ist ein Vorbild hinsichtlich Führung?“

„Ein Vorbild hinsichtlich Führung? Das ist schwierig zu sagen, weil in meinen Augen Führung immer auch von der Situation abhängt. Meinst du das jetzt bezogen auf meine persönliche Situation oder eher allgemein, also gute Führungspersonen in der Vergangenheit?“

„Im Allgemeinen. Jemand, wo du sagst, der hat in der Situation… Natürlich ist die Situation immer bezogen auf die Zeit und die Umstände, in denen er oder sie gelebt hat … etwas getan, woraus man für sich selber etwas mitnehmen könnte? Gibt es zum Beispiel Feldherren oder einen Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin, die ein Problem sehr gut gelöst haben, deren Weg auch für dich gangbar sein könnte? Oder der dich inspiriert hat, das bei dir selbst anzuwenden?“

„Ich denke man kann von absolut jedem Menschen etwas lernen. Egal ob von guten oder schlechten Führungspersonen. Und ich trau‘ mich jetzt nicht einen da besonders vor den Vorhang zu holen, weil ich sonst alle anderen damit automatisch nach hinten stellen würde. Ich denke, dass es durchaus Beispiele in der Historie gibt, z.B. Napoleon, der immer wieder kluge Entscheidungen getroffen hat, der immer wieder neue Wege gegangen ist, das ist jetzt aber besonders bezogen auf Strategisches oder Militärisches. Deswegen möchte ich das ein bisschen relativieren, weil ich meine eigene Aufgabe als nicht besonders militärisch erachte.“

„Und eine lebende Person, also klassisch wäre so etwas wie Elon Musk. Der wäre für viele wahrscheinlich ein Vorbild. Gibt es da jemanden, wo du sagen würdest, der inspiriert dich oder der hat dich inspiriert mit seiner oder ihrer Vision?“

„Ich glaube da muss man auch differenzieren. Es gibt viele Menschen, die mich mit ihren Visionen überzeugen oder mich anstecken, aber ich kann diese Menschen alle nicht aufgrund ihres Führungsprofils oder ihres Führungsstils betrachten, weil ich diesen schlichtweg nicht kenne, weil ich mit diesen Menschen nicht zusammenarbeite. Faszinierende Persönlichkeiten gibt es genug, egal ob die Elon Musk, Greta Thunberg oder sonst irgendwie heißen. Es ist immer die Frage, was man draus macht. Und lernen wie gesagt, kann man von absolut jedem und jeder.“

„Eine abschließende Frage habe ich noch: Wenn du dein eigener Mitarbeiter wärst, hättest du dich gerne als Chef?“

„Ja und nein.“ *Christian lacht* „So ehrlich muss ich sein. Ich weiß, dass ich in vielen Fällen sehr pedantisch sein kann, sehr genau. Dass ich manchmal auch meine eigenen Visionen nicht ganz so klar darstellen kann, wie ich das selbst gerne würde. Im Allgemeinen glaube ich aber, dass man mit mir ganz gut zusammenarbeiten kann, weil ich eben versuche zuzuhören und sehr auf die Bedürfnisse meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzugehen und ich glaube ich habe immer ein offenes Ohr, falls es Schwierigkeiten oder Probleme – egal ob im beruflichen oder im privaten Kontext – gibt.“

„Vielen Dank, das wäre es von unserer Seite. Möchtest du unseren Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf den Weg geben zum Thema Führung?“

„Ja gerne. Liebe Hörerinnen, liebe Hörer: ‚Führung beginnt bei dir selbst.‘ Wir haben es ja bereits im Posting geschrieben: ‚Führung beginnt bei dir selbst‘ bedeutet: Du musst zuerst deinen eigenen persönlichen Weg kennen, um andere Menschen darauf mitnehmen zu können. Das heißt der erste Schritt, um eine gute Führungsperson zu sein, ist sich einmal hinzusetzen und zu überlegen. Wohin will eigentlich ich und welche Menschen möchte ich auf diesem Weg mitnehmen.“

„Vielen Dank.“

„In diesem Sinne wünsche ich euch ein wunderschönes Wochenende. Alles Liebe, euer Christian.“